Nordloh, Carlo: 329 Tage und Nächte. Paris allein in Bildern

 34,90

Hardcover mit Schutzumschlag, 20 x 25,5 cm,  92 Seiten
ISBN 978-3-943889-76-5
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Beschreibung

Carlo Nordloh, 1966 in Bremen geboren, führt seit mehr als 30 Jahren ein Tagebuch in Bildern: In handlichen Skizzenbüchern dokumentiert er seine Reisen und das Erlebte, zeichnet, malt und collagiert seine Eindrücke. Von August 2014 bis Juli 2015 verbrachte er ein Schuljahr als Austauschlehrer in Paris an der Hochschule für Angewandte Künste, der École Boulle im 12. Arrondissement.

In dieser Zeit füllt er vier Skizzenbücher, für die er Fineleiner, Füller, Aquarellfarben, Tinte, Zeitungsausschnitte und weitere gefundene Objekte verwendet. Alle Skizzen entstehen im Moment, vor Ort, schnell. Nur wenige Ausnahmen, wie die Reihe der Nacht-Skizzen, bearbeitet er zu Hause in seiner kleinen Wohnung in der Rue Christian Dewet, am Place de la Nation, mit Tinte nach. Ausgewählte Skizzen bringt er mit Acryl und Tinte zusätzlich auf Leinwand.

Die entstandenen Arbeiten lesen sich wie ein filmischer Gang durch das Paris der Jahre 2014/15, wobei “Le March pour Charlie Hebdo“ genau so dokumentiert wird wie das wöchentliche Einkaufstreiben auf dem Marché l´Aligre oder das Sonnenbad an der Seine am Quai Henri VI. Der Künstler streift 329 Tage und Nächte, einem feinfühligen Entdecker gleich, durch die Stadt Paris mit ihren unzähligen Facetten und dokumentiert als aufmerksamer Teilnehmer und Beobachter das Leben, das sich ihm präsentiert. Mehr noch, Carlo Nordlohs Skizzen fangen nicht nur das Geschehen und die Stimmung im Augenblick des schnellen zeichnerischen Festhaltens ein, sondern sie kommentieren es darüber hinaus mit jener liebevollen Neugierde und jenem Erstaunen, die jede seiner schnellen Linien ausdrückt. So sind auch die Menschen, denen er in den zahlreichen Straßencafés begegnet, in der Metro, in den Museen und Galerien oder im Rahmen seiner Arbeit an der École Boulle und beim Besuch von Veranstaltungen, weniger als Pariser abgebildet, als vielmehr als Mitreisende seiner Erkundungsfahrten. Weggefährten für ein, zwei Stationen.

Und immer wieder die Pariser Nacht. Montmatre, Bastille, Rue de Faubourg, Place de la Nation, Notre Dame. Auf nächtlichen Streifzügen entstehen dunkle, schnelle Skizzen in schwarzen, braunen und dunkelblauen Tönen, vermischt mit hellen Streifen und Punkten. Licht und Schatten stehen in einem starken Kontrast zueinander und scheinen sich gleichzeitig ineinander aufzulösen, je länger man sie betrachtet. Der Mond, die Straßenbeleuchtung, hell erleuchtete Fenster, die ihren Lichtkegel bis weit auf den Weg des Künstlers werfen – sie alle spielen mit dem harten Schwarz der Nacht und den starken Konturen auf den Häuserfassaden und Gehwegen. Hier wird über den Moment hinaus auch das Ringen zwischen Licht und Schatten festgehalten. Die Nachtzeichnungen haben, im Gegensatz zu den Skizzen bei Tag, Bildaufnahmen mit dem Handy als Grundlage, die ihrerseits bereits harte Linien und den Kontrast zwischen der gelblichen Straßenbeleuchtung und den dunklen Ecken und Nischen von Häusern, Gassen, Treppen und Türmen suchen.

Alle Skizzen – gruppiert nach den Themenschwerpunkten Rue Christian Dewet, Ecole Boulle, Place de la Nation, Marché l‘ Aligre, Quai Henri VI, Cafés, Metro, Kunst und Stadt – eint zwei Besonderheiten: Die Unmittelbarkeit im Moment ihrer Entstehung schafft eine Authentizität, die für eine Stadt wie Paris, millionenfach abgebildet, besonders ist, weil so etwas wie eine nie gekannte Intimität erzeugt wird. Gleichzeitig kann jede Skizze ein eigenständiges Bühnenbild sein für eine eigene, in sich geschlossene Geschichte. Kommt dort vor der Treppe in der Rue de Montmarte gleich jemand um die Ecke? Was sagt die Dame im roten Mantel zu der Person neben ihr, die noch dabei ist, ins Bild zu treten? Carlo Nordlohs Geschichten durch die Betrachtung seiner Zeichnungen zu lauschen, ist ein Genuss. Sie laden geradezu dazu ein, in sie einzutauchen und sie sich weiterzuerzählen.

Claudia Lamas Cornejo