In der Verlagsreihe „Renaissancemenschen“ ist gerade ein Titel vom prominentesten aller Renaissancemenschen in Arbeit: „Das Buch von der Malerei“ von Leonardo da Vinci. Erscheinen wird es im Juni 2026.

Dieses „Buch von der Malerei“ oder auch „Traktat von der Malerei“ ist eine Sammlung von Schriften und Notizen Leonardos, die er zu Lebzeiten leider nicht mehr zu einem Buch zusammenstellen konnte, das hat dann sein Schüler Francesco Melzi nach seinem Tod übernommen. In 935 kurzen, manchmal auch sehr kurzen Kapiteln hat Leonardo da Vinci schriftlich festgehalten, was ihm zum Thema Malerei bemerkenswert erschien. Er nennt zahlreiche Regeln und gibt teils sehr konkrete Anleitungen für das Malen, für den Malunterricht, für die Lebensweise des Malers, von dem er völlige Hingabe an seine Kunst erwartet. Aber das Buch ist vor allem auch eine Schule des Sehens: Es geht um die genaue Wahrnehmung von Licht und Schatten, von Helligkeit und Dunkelheit, von Muskeln und Gelenken, um die Veränderungen von Gegenständen mit zunehmender Entfernung (sie werden nicht nur kleiner), um die Regeln für die Perpektive und vieles vieles mehr. Es geht sehr stark um das Technische, das Handwerkliche des Malens, aber natürlich auch um das Künstlerische. Man kann sagen, das Buch gibt Einblicke in seine Arbeitsweise, in seine Werkstatt, wir dürfen gewissermaßen Leonardo da Vinci ein wenig beim Malen über die Schulter schauen.

Leonardos Traktat hat über die Jahrhunderte viele Generationen von Malern geprägt und beeinflusst, für die Malerei dürfte es sich um eines der wirkmächtigsten Bücher überhaupt handeln.

Eine erste deutschsprachige Ausgabe erschien im Jahr 1882, übersetzt von Heinrich Ludwig. Ludwig hat das Buch aber nicht nur übersetzt, sondern auch die Anordnung der Kapitel geändert, Kapitel und Absätze verschoben und neu gruppiert, und auch zusätzliche Überschriftenebenen eingefügt. Das überlieferte Manuskript enthält tatsächlich einige Inkonsistenzen und viele Redundanzen, insofern war Ludwigs Absicht durchaus nachvollziehbar. Doch hat er es wohl etwas übertrieben. Die Buchausgabe Ludwigs erschien in zwei Varianten: eine dreibändige (von denen zwei Bände den deutschen und den italienischen Text enthielten, ein dritter Band mit Vorwort und Fußnoten) und eine einbändige, in der die genannten Umstellungen zu finden waren, das war gewissermaßen eine Volksausgabe.

1909 erschien eine weitere deutschsprachige Ausgabe, herausgegeben von Marie Herzfeld, die aber abgesehen von einem sehr guten Vorwort fast durchgehend die Ausgabe von Ludwig wiedergibt. Eine oder zwei weitere Ausgaben auf Deutsch drucken lediglich Ludwig nach.

Die hier angekündigte neue Ausgabe, herausgegeben von Arthur Wetzel und Martin Regenbrecht, ist seit über hundert Jahren die erste Neuübersetzung der italienischen Vorlage. Sie orientiert sich am ursprünglichen Codex 1270, wie es auch die italienischen Fassungen, allen voran eine große historisch-kritische Ausgabe, tun. Bei der Neuausgabe handelt es sich um eine reine Leseausgabe, nicht um eine historisch-kritische Ausgabe. So wurde auf Fußnoten und Übersetzungsvarianten weitgehend verzichtet; die handschriftlichen Korrekturen im ebenfalls handschriftlich verfassten im Codex 1270 – Streichungen, Ergänzungen, Korrekturen – die von mindestens drei verschiedenen Händen stammen, wurden ignoriert. Hier als Beispiel die erste Seite aus dem Codex:

https://digi.vatlib.it/view/MSS_Urb.lat.1270

Das Ziel war es, dieses großartige Werk dieses herausragenden Künstlers in einer guten Leseausgabe wieder zugänglich zu machen. Wir wünschen eine spannende, erhellende und anregende Lektüre von Leonardo da Vincis „Buch von der Malerei“, von seiner Schule des Sehens.