Camba, Julio

Julio Camba (1884–1962) war einer der profiliertesten und bekanntesten spanischen Journalisten und Schriftsteller seiner Zeit.

Camba fiel schon als Schüler als sehr eigensinnig auf. Gegen einen Lehrer, der seine Schüler als pädagogische Erziehungsmaßnahme mit dem Ellenbogen ins Gesicht zu schlagen pflegte, wehrte er sich, indem er sich die Hand, darin eine metallene Schreibfeder, »wie eine Lanze« vors Gesicht hielt. Der Lehrer musste im Krankenhaus behandelt werden, aus seiner Wunde »lief Tinte«.

Später versuchte man ihn auf ein Priesterseminar zu schicken, der vorwitzige Junge antwortet altklug: »Meine Ideen erlauben es mir nicht, Pfarrer zu werden.« Seine Ideen flüsterten ihm Voltaire, Stirner und Nietzsche ein. Mit 12 Jahren begann er auf väterliche Anweisung in einer Apotheke zu arbeiten. Im Hinterzimmer trafen sich Freidenker, der junge Camba lauscht gespannt ihren Debatten. Mit 15 Jahren erscheinen seine ersten Artikel und Gedichte in der kleinen Zeitung La idea moderna. Diario democrátio de Lugo. Er wird sein ganzes Leben lang in Zeitungen schreiben.

Mit 16 verlässt er als blinder Passagier Spanien in Richtung Argentinien und gerät in Kontakt mit anarchistischen Kreisen. Er schreibt dort für verschiedene linke Zeitungen, doch mischen sich schon früh befremdende Töne in seine Kolummnen: »Die Anarchie war für uns weniger ein philosophisches Konzept als eine sentimentale Unterhaltung.« Wie für de Quincey das Opium war für Camba die Anarchie ein Betäubungsmittel, ein »gerechtes, subtiles und mächtiges Gift«. Manche sagen, dass sich nur diejenigen Menschen in die Wirklichkeit flüchten, denen es an Fantasie mangelt. Und es scheint, Camba wusste, dass die Träumer womöglich viel wacher waren: »Kein Opiumraucher, kein Absinthtrinker, kein Morphinist und kein Haschischraucher hat Träume gehabt, die von herrlicheren Visionen bevölkert waren als denen, die den großen Traum des Anarchismus bevölkern. Die Anarchie ist auch eines dieser künstlichen Paradiese, die es wert sind, dass man ihnen einen Besuch abstattet, wenn man sie in der Wirklichkeit nicht vorfindet.« War sich Camba schon damals bewusst, dass zwischen Traum und Trugbild oft nicht zu unterscheiden ist?

Camba kehrt nach seiner Verurteilung nach Spanien zurück und engagiert sich in den folgenden Jahren weiterhin für linke Zeitschriften. In Karl Kraus’scher Manier wird er allein die Zeitschrift El rebelde herausgeben, mit prominenten Figuren wie Kropotkin zusammenarbeiten. Seine berühmtesten Texte schreibt er jedoch als Auslandskorrespondent. Er lebt in Paris, London, Berlin, Konstantinopel, New York. Er schreibt nicht mehr als offen politischer Autor, er schlüpft vielmehr in die Rolle des Zaungasts des Lebens, er beschreibt das Leben in den Hauptstädten der Welt und sendet seine Kolumnen nach Madrid. In den 1910er Jahren war er einer der beliebtesten und bestbezahlten Zeitungsschreiber seines Landes. Er bereist die Welt und mokiert sich über sie. Sein Schreiben – wenn es denn eine Konstante gibt – ist von einem sehr scharfen Humor gekennzeichnet. Nichts und niemand wird verschont, keine Autorität wird akzeptiert, im Gegenteil, sie wird genussvoll verspottet.

Aber worüber handeln die Texte? Camba beobachtet und beschreibt und er vergleicht. Er sieht in kleinen Details das Symptomatische und die großen Irrtümer einer Gesellschaft, und in den scheinbar großen Gesten von Personen und Ländern erkennt er das Kleine und Kleinliche. Er spielt mit Stereotypen und führt diese ad absurdum, immer im Wissen, dass die Realität in Wirklichkeit stets komplizierter ist, als irgendein System einen glauben lassen will. Er weiß, dass man an die Stelle von alten nur neue Irrtümer setzen kann. Camba schreibt über alles und nichts: Er erzählt von Kaiser Willhelm und entwirft eine »Kritik der reinen Dummheit«, berichtet von Nietzsche und dem Oktoberfest, gigantischen Zwergen und musikalischer Sensibilität, beklagt den Mangel an Kultur und kämpft mit Verdauungsbeschwerden nach dem Verzehr bellender (oder deutschsprechender?) Würste, schreibt über Tirpitz und die Lächerlichkeit des deutschen Nationalismus, das Café Größenwahn in Berlin, über die Verbotshörigkeit der Deutschen, über deutsche Gutmütigkeit und Gehröcke, deutsche Brutalität und deutsches Bockbier, über deutsche Küche und deutschen Hoch- und Kleinmut, über den normalen Wahnsinn des Kaiserreichs und dessen wahnsinnige Normalität, den von ihm verehrten Heine und das zu schwere Gewicht deutscher Ideen, das methodische deutsche Chaos, lacht mit Mark Twain über die monströse deutsche Grammatik und Sprache, und er stellt Vergleiche zwischen Deutschen, Spaniern, Franzosen, Engländern, Amerikanern und Italienern an – bei denen keine Nation gut davonkommt.

Nie kommt es in seinen Texten zu einer endgültigen Wertung, Camba wackelt an Podesten, stößt hier und da eine Idee vom Thron, eine Person vom bürgerlichen Ohrensessel, jagt einen König aus seinem Schloss oder zieht einen Kaiser oder einen Bürger an seinem Bart. Aber gleich schlendert er vergnügt weiter, um sich über die nächste alltägliche Wunderlichkeit zu amüsieren und auch sie ins Absurde zu wenden

Als 1936 in Spanien die Republik ausgerufen wird, hält sich Camba in New York auf. Er kehrt nach Madrid zurück und erhofft sich nun einen Botschafterposten im neuen politischen System, der ihm aber verweigert wird. Camba be­ginnt nun – vielleicht auch aus gekränkter Eitelkeit – Seite um Seite bissiger (aber oft gerechtfertigter) Kritik an der neuen Regierung zu üben. Man fühlt sich etwas unbehaglich beim Lesen dieser Texte: Aus dem Individualisten Camba, der sich mit niemand gemein macht, wird, wenn auch nur für wenige Artikel, ein Kritiker der Linken und Parteigänger der konservativen Revolution, und oft genug bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn man Cambas Beiträge aus dem Spanischen Bürgerkrieg liest. Cambas Beschreibungen der Lust an Grausamkeit während der Revolution sind sarkastisch genau deswegen, weil sie erschreckend wahr sind. Die Revolution als brutaler Rausch, Ideologie als Rechtfertigung für Massaker:

»Der Krieg ist der Krieg und die Revolution ist die Revolution. Die Revolution ist eine Riesengaudi, eine Orgie, ein Bacchanal, das nichts mit dem Krieg zu tun hat. Es werden Schüsse abgegeben. Schinken werden gegessen. Priester werden ermordet. Man muss mit anständigen Bürgern in der Stierkampfarena kämpfen oder sie in die Schöpfräder der Bauern einspannen. Der Wein fließt in Strömen, und noch mehr als der Wein berauscht einen das Blut, das fließt.«

Camba lehnte rigoros sowohl die Massenbewegungen des Faschismus als auch des Kommunismus ab und wird im heutigen Spanien als einer der wenigen linken Schriftsteller gewürdigt, die schon früh auch die Heilsversprechen der linken Revolution misstrauisch beäugten. »Es war die Republik, die uns um die Republik betrogen hat«, schreibt Camba und weist mit diesem Satz auf einen wunden Punkt der spanischen Geschichte hin. Auch im Spanischen Bürgerkrieg war nicht alles schwarz und weiß, Teile der spanischen Linken, die oft nur Handlanger sowjetischer Interessen waren, waren nicht weniger korrupt, brutal und machtgierig wie die Rechte, und betrachtet man den Bürgerkrieg aus historischem Abstand, fällt es schwer zu entscheiden, wem überhaupt moralische Lorbeerkränze unbesorgt zugeworfen werden können.

Nach dem Bürgerkrieg wendet sich sein Schreiben erneut privaten und mehr oder minder unpolitischen Angelegenheiten zu. Es wurde zunehmend schwierig, in der Militärdiktatur Francos nicht der Zensur zum Opfer zu fallen. Anstatt sich aber zu einem Regimepropagandisten zu verwandeln, lebt er in den 1940er Jahren in Lissabon, wo er zu einem der engsten Freunde Ortega y Gassets wurde. Die letzten Lebensjahre wird er zu einem Sondertarif im Palace, einem Madrider Luxushotel, residieren, jedoch war er mittlerweile kein bedeutender Journalist mehr, er schrieb weiterhin Kolumnen »Über praktisch Nichts« und »Über praktisch alles«.

Was lässt sich für ein Resümee ziehen? Wer war Julio Camba? War er am Ende nur ein Hochstapler, der sich auf Kosten von Zeitungen ein schönes Leben gemacht hat und durch die Welt flaniert ist? War er nun Anarchist oder Egoist? Ein Spötter Heinescher Prägung? Ein trauriger und desillusionierter Dandy? Wilder oder Bürger? Camba war kein Gott, der auch auf krummen Linien gerade schreibt. Er schrieb vielmehr auf krummen Linien krumme, skeptische und schiefe Sätze, die manchmal völlig zutrafen, und manchmal lediglich seine Meinung ausdrückten. Mögen andere ihn moralisch begutachten, ich glaube, man sollte sich am Ende daran erinnern, dass Moral und Literatur noch nie in einer völlig harmonischen Beziehung zueinander standen.

Andreas Lampert

 

Von Julio Camba ist im Regenbrecht Verlag erschienen:

Übersetzt, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Andreas Lampert

Softcover, 172 Seiten, 9,90 €

ISBN 978-3-943889-71-0

 

E-Book: ISBN 9783943889727